11. April 2026
Popanz der Erneuerbare-only-Strategie
Gernot Gruber und der Popanz der „Erneuerbare-only-Strategie“
Gernot Gruber beginnt seinen Leserbrief mit einem durchaus berechtigten Einwand. Wer über Klimaschutz im Rems-Murr-Kreis berichtet, sollte möglichst konkret benennen, was vor Ort tatsächlich geschieht: Welche Maßnahmen wurden umgesetzt, welche Projekte sind geplant, wo gibt es Fortschritte und wo besteht weiter Nachholbedarf. Dieser Wunsch nach mehr lokaler Substanz und weniger abstrakter Rahmung ist nachvollziehbar und zunächst einmal ein legitimer Punkt.
Von dort aus verschiebt Gernot Gruber den Fokus jedoch sehr schnell. Er rechnet mit dem aus seiner Sicht vorherrschenden Kurs in der Energiepolitik ab, spricht von einer „Erneuerbare-only-Strategie“ und nennt diese eine „grüne Lebenslüge“. Sein Grundgedanke: Die Energieversorgung lasse sich eben nicht allein mit Sonne und Wind sichern, sondern brauche auch Speicher, Reservekraftwerke und verlässliche Absicherung für Zeiten geringer Einspeisung.
Damit verbindet Gruber jedoch noch mehr. Er suggeriert, Kritik an fossilen Energien, an Gaskraftwerken oder an früheren energiepolitischen Entscheidungen sei vor allem ideologisch motiviert gewesen. Zugleich behauptet er, „der Bund hat die Klimaziele erreicht“, und stellt dies als Beleg dafür dar, dass die grüne Sichtweise an der Realität gescheitert sei.
Der Leserbrief arbeitet also mit einer scharfen Gegenüberstellung: hier die angeblich wirklichkeitsferne Idee einer rein erneuerbaren Energieversorgung, dort die vermeintlich nüchterne Rückkehr zur Realität. Genau diese Zuspitzung ist aber der entscheidende Schwachpunkt seines Textes.
Kommentar
Gernot Gruber bezeichnet eine angebliche „Erneuerbare-only-Strategie“ als „grüne Lebenslüge“. Damit trifft er jedoch weniger die tatsächliche energiepolitische Debatte als vielmehr eine zugespitzte Vereinfachung. Denn ernsthaft wird heute kaum darüber gestritten, ob ein modernes Industrieland ausschließlich mit Sonne und Wind auskommen kann. Die eigentliche Frage lautet vielmehr, wie ein weitgehend erneuerbares Energiesystem durch Netzausbau, Speicher, Lastmanagement und gesicherte Reserve verlässlich ausgestaltet werden kann.
Problematisch ist vor allem Grubers Behauptung, der Bund habe die Klimaziele erreicht. So eindeutig ist die Lage nicht. Die aktuellen Projektionen lassen allenfalls erkennen, dass die nationalen Ziele bis 2030 knapp erreichbar sein könnten, während der verbleibende Spielraum nahezu ausgeschöpft ist. Zugleich droht Deutschland seine europäischen Verpflichtungen deutlich zu verfehlen. Wer aus dieser widersprüchlichen Lage eine abgeschlossene Erfolgsgeschichte macht, vereinfacht die Realität erheblich.
Auch der Unterton, Kritik an fossilen Energien sei vor allem ideologisch motiviert, überzeugt nicht. Die eigentliche Fehleinschätzung der vergangenen Jahre lag gerade in der trügerischen Sicherheit fossiler Routinen und in der problematischen Abhängigkeit von russischen Energielieferungen. Nicht die Kritik daran war wirklichkeitsfremd, sondern der Glaube, diese Abhängigkeiten ließen sich dauerhaft als Ausdruck energiepolitischer Vernunft verkaufen.
So entsteht der Eindruck, dass Gernot Gruber weniger eine reale Position kritisiert als ein Gegenbild, das er selbst stark vereinfacht hat. Zugleich deutet er eine fragile und ungleichgewichtige Entwicklung als klaren Erfolg um. Das ist zugespitzt formuliert, aber analytisch nicht ganz überzeugend.